Folge 1: Der Wendehals

Shownotes

Ein Jurist, ein Mitläufer, ein Profiteur: Anton Höltzenbein war ein Mann, der sich in jeder politischen Zeit zurechtfand – in der Revolution von 1918 genauso wie im Nationalsozialismus.

Er saß im Arbeiter- und Soldatenrat, später profitierte er von der „Arisierung“ jüdischen Eigentums.

Es ist eine Geschichte darüber, wie leicht sich Prinzipien verschieben können, wenn man sich selbst dabei für vernünftig hält.

In dieser Folge:

  • Wer war Anton Höltzenbein – und wie wurde er zum Nutznießer der NS-Zeit?
  • Warum passt seine Biografie so gut in die Geschichte Münsters?
  • Und was sagt sie über Loyalität, Moral und Anpassung in schwierigen Zeiten?

Ein Podcast von RUMS. Neuer Journalismus für Münster.

Moderation: Ralf Heimann Historische Recherche: Dr. Michael Jung

Historische Quellen:

Über das Leben von Anton Höltzenbein gibt es bisher keine fachwissenschaftlichen oder lokalgeschichtlichen Analysen. Diesem Podcast liegen daher ausschließlich Quellen aus Archiven zugrunde. Diese können unter folgenden Signaturen aufgefunden werden: Stadtarchiv Münster Amt 47 Nr. 497; 498; 587; 590; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Landgericht Münster Q 121/14817-14833; 15226; Bundearchiv Koblenz N 1005/475.

Transkript anzeigen

00:00:01: Michael Jung: Anton Hölzenbein ist jemand, der vor allem seinem eigenen Nutzen dient. Als es um seine Vergangenheit ging, sieht man eben, dass er bereit ist, dem Nationalsozialismus genauso aktiv zuzuarbeiten, wie er das zuvor bei der Demokratischen Republik war. Solche Flexibilität wird man vielleicht aus heutiger Sicht etwas skeptisch beurteilen müssen. Aus Hölzenbeins Sicht war das natürlich wahrscheinlich alles folgerichtig.

00:00:28: Sprecherin: „Bevor wir‘s vergessen“, der RUMS-Geschichtspodcast.

00:00:37: Ralf Heimann: Herzlich willkommen zu unserem neuen RUMS-Geschichtspodcast. Ich bin Ralf Heimann, RUMS-Redakteur.

00:00:44: Michael Jung: Ich bin Michael Jung, Geschichtslehrer und Historiker.

00:00:47: Ralf Heimann: Und wir wollen hier ab sofort über Geschichte sprechen. Über Münsters Geschichte, über Geschichten aus Münster, über Menschen, die nicht in Geschichtsbüchern stehen, deren Geschichte aber, wie wir finden, erzählenswert ist, und die man, da der Titel des Podcasts darauf anspielt, wahrscheinlich vergessen würde. Am besten fangen wir mit der Frage an, wo diese Geschichten denn herkommen.

00:01:09: Ralf Heimann: Michael, du hast das, was wir hier erzählen, gefunden und recherchiert. Wie bist du auf diese Geschichten gestoßen?

00:01:17: Michael Jung: Ja, in Archiven und Museen gibt es ja viele interessante Geschichten und Akten aus früheren Zeiten. Die erzählen eben sehr lebendig das Leben von früher. Man muss sie halt nur suchen. Und gelegentlich findet man auf solche Weise dann Sachen, von denen man findet, dass sie eigentlich viel zu schade sind, als dass man sie nicht erzählen sollte.

00:01:34: Ralf Heimann: Ja, und eine von diesen Geschichten, die man erzählen sollte, das ist die von Dr. Anton Hölzenbein, Anwalt in Münster. Ja, ein Mann mit einer sehr lebhaften Biografie oder mit einer ... ein sehr wandelbarer Mensch, sagen wir es so. Der ist dir aufgefallen, als du im Archiv recherchiert hast?

00:01:58: Michael Jung: Ja, genau. Es ging um die Novemberrevolution von 1918. Das war ja eine Zeit, in der Deutschland zur Republik wurde und zur ersten Demokratie, aber auch die Zeit, als der Erste Weltkrieg verloren ging. Und eine Zeit, über die man hinterher heftig gestritten hat und wo es zu großen Umdeutungen kam, insbesondere bei den Nationalsozialisten. Ja, und Anton Hölzenbein ist mir aufgefallen, weil er sehr ungewöhnlicherweise da im Mittelpunkt des Geschehens in Münster stand. Anton Hölzenbein war von Haus aus eigentlich Rechtsanwalt, kam also aus dem Bürgertum. Und trotzdem sitzt Anton Hölzenbein plötzlich im Arbeiter- und Soldatenrat, als der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Und das fand ich sehr bemerkenswert. Und da habe ich gedacht, Anton Hölzenbein, damit muss man sich nochmal ein bisschen genauer beschäftigen.

00:02:42: Ralf Heimann: Vielleicht kannst du kurz erklären, warum das bemerkenswert ist, dass ein Anwalt im Arbeiter- und Soldatenrat sitzt.

00:02:48: Michael Jung: Ja, also Anton Hülsenmann hat eine ganz klassische bürgerliche Berufskarriere gemacht. Vor dem Ersten Weltkrieg hat er Jura studiert, er hat auch promoviert und hat anschließend eine Anwaltskanzlei in Münster aufgemacht. Und damit gehörte er zum etablierten Bürgertum. Er war bei der obersten zehn Prozent der Bevölkerung dabei. Und dass ausgerechnet so jemand plötzlich bei der Revolution von 1918 mitmischt im Arbeiter- und Soldatenrat, das ist ja sehr bemerkenswert, das war ja eigentlich eine Revolution, die man eher mit sozialistischen, sozialdemokratischen Zielsetzungen verknüpft und wo man sagen muss, das ist eher getragen von Menschen ohne akademischen Hintergrund, diese Revolution. Und da plötzlich Anton Hölzenbein zu finden, fand ich zumindest ungewöhnlich.

00:03:37: Ralf Heimann: Und wie ist der da reingeraten?

00:03:39: Michael Jung: Ja, da gibt es eben mehrere Geschichten. Also Anton Hölzenbein erzählt zu unterschiedlichen Zeitpunkten sehr unterschiedliche Geschichten, wie er da reingekommen ist. Also Fakt ist jedenfalls, dass Anton Hölzenbein im Kriegsamt arbeitet. Das heißt, er ist nicht an der Front, sondern ist dafür zuständig ab 1916 den sogenannten Vaterländischen Hilfsdienst zu organisieren. Er ist dafür zuständig, auch Zivilisten zu rekrutieren für kriegswichtige Arbeiten. Das ist sein Job. Und dazu sitzt er im Generalkommando am heutigen Schlossplatz. Das ist sozusagen die militärische Schaltzentrale der damaligen Zeit. Und da ist er ganz nah an der Generalität. Und er ist auch jemand, der natürlich nun einberufen ist. Das heißt, eigentlich hat er ja einen gut etablierten Zivilberuf. Und in diesem Bürojob plötzlich werden bei Kriegsende Menschen gesucht, die auch mitmachen können beim Arbeiter- und Soldatenrat. Und das ist kaum ein Zweifel, dass Anton Hölzenbein aus Interesse, vielleicht auch aus einer eigenen Motivation heraus, sich dafür gemeldet hat. Er wird nämlich auch gewählt dafür. Später allerdings wird er behaupten, dass seine Vorgesetzten ihn dann nur überredet haben und ihn dazu hineingezwungen haben. Also die Geschichte ist halt unterschiedlich, je nachdem, wann er sie erzählt.

00:04:58: Ralf Heimann: Also man muss vielleicht zu diesem Arbeiter- und Soldatenrat auch sagen, dass das Militär damals natürlich eine ganz andere Rolle spielte als heute – auch in der Stadt. Es war überall sichtbar. Kannst du das vielleicht nochmal erklären?

00:05:10: Michael Jung: Münster war eine Garnisonsstadt. Münster war zugleich Sitz des stellvertretenden Generalkommandos. Das heißt, Münster war für Nordwestdeutschland die entscheidende Schaltstelle. Und das wurde 1918 beim Waffenstillstand dann noch wichtiger, weil Münster die einzige unbesetzte Großstadt in Nordwestdeutschland war, weit genug weg von der Waffenstillstandszone. Die Alliierten rückten ja am Rhein, weit auf deutsches Gebiet vor beim Waffenstillstand, von der aus man noch schalten und walten konnte als deutsches Militär. Also insofern kam Münster dabei eine ganz zentrale Rolle zu. Und überall in der Stadt waren Kasernen, es gab mehrere Regimenter und eben das Generalkommando hier vom 7. Armeebezirk. Und insofern war das eine wichtige Stellung.

00:05:58: Ralf Heimann: Also Hölzenbein sitzt ja jetzt in diesem Rat und was macht er da genau?

00:06:01: Michael Jung: Ja, diese Arbeiter- und Soldatenhäuser haben ja ganz unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen. Zum einen ging es natürlich darum, Deutschland zu demokratisieren, auch den Übergang in die demokratische Republik vorzubereiten. Das war damals umstritten, welcher Art denn diese Republik sein sollte, ob es eine parlamentarische Demokratie sein sollte, wie sich das die Mehrheitssozialdemokratie dachte, oder ob es ein Rätesystem geben sollte, letztlich auch nach russischem Vorbild, dass die etwas linkeren Kräfte bevorzugten. Also das war strittig.

00:06:29: Michael Jung: Zum anderen gab es natürlich auch jede Menge ganz praktische Aufgaben. Eine riesige Feldarmee musste demobilisiert werden. Und das hieß auch für viele Soldaten ganz praktisch, was sie denn jetzt eigentlich machen sollten, wenn der Krieg vorbei war, wie sie aus der Armee entlassen werden könnten, ob es dann möglicherweise auch soziale Unterstützung für sie gibt. All das lag in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte.

00:06:49: Michael Jung: Und in Münster gab es gleich mehrere davon. Es gab auf den unterschiedlichen Armee-Ebenen eben jeweils einen Rat. Also einen beim Generalkommando und dann gab es für jedes einzelne Regiment in Münster auch noch einen eigenen Arbeiter- und Soldatenrat.

00:07:03: Michael Jung: Und Anton Hölzenbein ist Mitglied von einem dieser Soldatenräte und er fällt dabei eben auf, dadurch, dass er eben der einzige Akademiker in diesem Kreis ist. Und das ist sehr bemerkenswert und man kann deutlich erkennen, dass Anton Hölzenbein natürlich auch ein bisschen die Rolle eines Beraters spielt dabei. Also wir haben es ja da vielfach auch mit Leuten zu tun, die gar nicht so kundig sind mit Verwaltungsabläufen und so weiter und die das gar nicht aus ihrem bisherigen zivilen Alltag kannten oder auch aus ihrem militärischen Alltag nicht. Und Anton Hölzenbein, das ist deutlich erkennbar, spielt häufig die Rolle des Juristen, der dann eben auch Ratschläge gibt, wie man das am besten macht, an welche Stelle man sich jetzt zu wenden hat und welche auch juristischen Punkte dabei zu berücksichtigen sind. Und insofern ist er da gut integriert und spielt durchaus eine entscheidende Rolle dabei.

00:07:59: Ralf Heimann: Das mit dem Arbeiter- und Soldatenrat, das spielt ja dann ungefähr 15 Jahre später nochmal eine Rolle. Darüber sprechen wir sofort. Aber vielleicht kannst du kurz für Menschen, die jetzt nicht wissen, wie man auf solche Informationen stößt, erklären, in welcher Form das Ganze dokumentiert ist.

00:08:17: Michael Jung: Ja, es gibt Korrespondenz von Hölzenbein über dieses Thema, insbesondere auch mit dem Stadtarchiv. Es gibt aber natürlich auch Zeitungsmeldungen über all das. Es gibt Fotodokumentationen und da findet man eben Hölzenbein.

00:08:29: Michael Jung: Und man kann eben sehen, dass Hölzenbein eine ganz wichtige Rolle spielt, auch im Übergang der Republik. Er ist einer der ersten Anwälte in Münster, die von der republikanischen neuen Regierung das Notariat verliehen bekommen haben. Das war sicherlich eine Auszeichnung und auch so gemeint und natürlich auch ein enormer wirtschaftlicher Vorteil. Und die neue demokratische Preußenregierung, die verleiht es auch ganz demonstrativ an jemanden wie Hölzenbein, der eben im Arbeiter- und Soldatenrat war und gleichzeitig eben an einen jüdischen Anwalt, Albert Herz. Das war eindeutig eine politische Stellungnahme der Regierung, die Auszeichnung gerade dieser Anwälte mit dem Notariat.

00:09:07: Michael Jung: Und insofern hat sich das Ganze für Hölzenbein auch gelohnt und auffällig ist eben, dass er selbst noch Anfang der 20er Jahre, als das innenpolitische Klima dann so langsam schon ins Gegenrevolutionäre kippt, dass Anton Hölzenbein selbst Anfang der 20er Jahre noch bereit ist, zum Beispiel Soldaten vor Gericht zu verteidigen und zu vertreten, die wegen Aufruhrs angeklagt sind. Und das war sicherlich in einer Garnisonstadt wie Münster keine Selbstverständlichkeit für einen bürgerlichen Anwalt. Und Anton Heisenbein hat aber diese Mandate übernommen. Und das zeigt natürlich auch, dass er sich diesem Soldatenrat und den Mitgliedern da durchaus verbunden fühlte.

00:09:48: Michael Jung: Und es gibt auch Zeugnisse von ihm aus den 20er Jahren, wo er die Zusammenarbeit in diesem Arbeiter- und Soldatenrat außerordentlich lobt. Er sagt dann zwar, es gab auch ein paar Leute, die sozusagen Schreihälse gewesen seien und politische Parolen verkündet hätten, aber es hätte auch ganz viel Sacharbeit gegeben, die eben auch sehr konstruktiv gewesen sei.

00:10:06: Michael Jung: Dieser Vorwurf von Schreihälsen, der zeigt natürlich am Ende auch, dass er als ein im Kaiserreich sozialisierter bürgerlicher Anwalt natürlich relativ wenig Verständnis für die neuen demokratischen Formen hatte, auch öffentliche Versammlungen, die sich da jetzt ausprägten. Aber nichtsdestotrotz wird deutlich, dass er ganz offensichtlich diese Arbeit ernst genommen hat und auch so ernst, dass er selbst in den 20er Jahren eben noch bereit war, ungewöhnlicherweise für einen bürgerlichen Anwalt aus Münster, diese Arbeit eben auch vor Gericht zu vertreten.

00:10:40: Ralf Heimann: Wobei ja immer, also im Laufe der Zeit dann immer wieder der Eindruck entsteht, dass das mit den Überzeugungen von Anton Hölzenbein nicht so weit her sein kann. Also er ist da sehr variabel und sehr flexibel. Und, dass vieles dokumentiert ist, das wird ihm dann auch irgendwann zum Verhängnis. Und dabei spielt ein Foto eine Rolle.

00:11:01: Michael Jung: Ja, im Sommer 1933 entdeckt Anton Hölzenbein in der Zeitung „Das Schöne Münster“, ein Bild des Generalsoldatenrates. Und auf diesem Bild ist er eben auch zu sehen. Das wäre jetzt noch keine Überraschung gewesen oder auch kein Problem gewesen, wenn nicht im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen wären, die ja nun eine ganz andere Deutung der Revolution von 1918 vertraten, die rückgängig machen wollten, hinter die Republik wieder zurückwollten und natürlich sich auch radikal von den sogenannten Novemberverbrechern - aus ihrer Sicht - abgrenzten, die damals Republik und Demokratie eingeführt hatten.

00:11:41: Michael Jung: Und jetzt liest Hölzenbein eben, dass der Münsterische Stadtarchivar Dr. Schulte, dass der jetzt eben eine Dokumentation erstellt über die Revolutionszeit. Und angesichts der nationalsozialistischen Einstellung Schultes durfte es auch kaum Zweifel geben, dass das wohl keine Heldengeschichte der Revolution werden würde, sondern eher eine Anklage.

00:12:04: Michael Jung: Und jetzt sieht Dr. Hölzenbein doch Anlass einzuschreiten und wendet sich deswegen brieflich an den Stadtarchivar, um ein für alle Mal klarzustellen, wie das denn mit seiner Rolle 1918 gewesen sei.

00:12:18: Michael Jung: Und da erzählt er jetzt eine ganz andere Geschichte, nämlich die, dass er gewissermaßen nur gezwungen und auf Befehl dabei gewesen sei, auf Anweisung seiner militärischen Vorgesetzten und dass er deswegen eben da mitgemacht habe, um größeren Schaden zu verhindern. Also insbesondere um den Marxismus quasi von innen daraus zu torpedieren.

00:12:38: Michael Jung: Das ist eine interessante Neudeutung, die er da vornimmt. Und die ist aber natürlich der Not geschuldet. Und Hölzenbein versucht jetzt alles, um auch angesichts der neuen Zeit, die sich da jetzt am Horizont abzeichnet, auch wieder dabei zu sein. So ähnlich wie er bei der Republik ganz vorne dabei war, erklärt Anton Hölzenbein seinen Beitritt zur NSDAP, richtet ihn aber an die falsche Stelle, sodass er 1933 dann doch noch nicht aufgenommen wird, sondern erst mal unter die Aufnahmesperre fällt, die die Nationalsozialisten verhängt hatten zum Schutz der erhofften Privilegien ihrer sogenannten alten Kämpfer.

00:13:17: Michael Jung: Aber es zeigt sozusagen seine Anpassungsbereitschaft und auch seine Loyalitätsbereitschaft gegenüber dem sich abzeichnenden neuen Regime. Und dazu gehört eben auch, dass man seine eigene Vergangenheit abschwören musste, beziehungsweise sie ganz neu darstellen musste. Und das tat Hölzenbein jetzt mit aller Vehemenz.

00:13:36: Ralf Heimann: Was drohte ihm denn mit diesem Foto? Also warum war dieses Foto so problematisch für ihn?

00:13:42: Michael Jung: Also, was Novemberverbrechern aus Sicht der Nationalsozialisten drohte, war ja offensichtlich. Also nicht nur der berufliche Verlust der Stellung, sondern natürlich im Zweifel auch Inhaftierung, Konzentrationslager. Also die ganze Elite der Republik, sofern sie noch am Leben war und nicht geflohen war, sah sich ja entsprechenden Verfolgungen gegenüber und der sogenannte Novemberverrat stand dabei im Mittelpunkt.

00:14:10: Michael Jung: Und natürlich musste Hölzenbein auf der lokalen Ebene natürlich befürchten, dass er da an dieser Stelle auch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Also, dass insbesondere seine Stellung als Anwalt und als Notar akut gefährdet ist durch dieses Vorgehen der Nationalsozialisten, wenn er nicht rasch einschreitet und seinerseits jetzt eine ganz andere Deutung des Geschehens bringt und erklären kann, dass er da ja quasi die ganze Zeit auf der anderen Seite gestanden hätte und eben nicht auf Seiten der Republik und auf Seiten der Revolution.

00:14:45: Ralf Heimann: Das ist ja ein Grund dafür, dass wir diese Geschichte erzählen, weil wir einen Menschen sehen, der sehr variabel ist, was seine Überzeugungen angeht, und der seine Geschichte auch im Nachhinein bereit ist, umzudeuten. Ist das denn ein besonderer Fall oder steht der für etwas? Beziehungsweise, gab es viele Menschen, die auf diese Art und Weise versucht haben, klarzukommen damit, dass jetzt politisch ein ganz anderer Wind weht?

00:15:15: Michael Jung: Im 20. Jahrhundert gab es ja viele Deutsche, die ihre Geschichte immer wieder ganz neu erfinden mussten und ganz neu deuten und erzählen mussten. Der Unterschied ist halt nur, dass die meisten das erst nach dem Zweiten Weltkrieg mussten und Hölzenbein schon nach dem Ersten Weltkrieg. Und das lag natürlich an seiner exponierten Rolle, zumindest hier auf der lokalen Ebene. Und das ist eben interessant, dass es ihm gelingt, den Spagat vom Arbeiter- und Soldatenrat bis hin dann zu den Nationalsozialisten zu finden, zu einem raschen Parteibeitritt schon im Jahr 1933.

00:15:48: Ralf Heimann: Also er hatte da ja offenbar ein Talent oder hatte jedenfalls ein Gefühl dafür, was zu machen ist. Und das mit dem Foto hat er dann ganz gut hinbekommen.

00:15:55: Michael Jung: Das hat er ganz gut hingekriegt. Er hat nämlich den Stadtarchivar von seiner Deutung der Geschichte überzeugen können, der das dann in seiner Revolutionschronik auch entsprechend vermerkt hat. Allerdings war dazu massive Intervention Hölzenbeins nötig. Also Hölzenbein hat sich ja nicht darauf verlassen, dass er nur mit dem Archivar das auf der bilateralen Ebene klärt, sondern er ist bis in die Spitze der Stadtverwaltung bei den vorgesetzten Schultes auch vorstellig geworden, um dafür zu sorgen, dass auch wirklich seine Deutung der Dinge hier am Ende zum Tragen kommt. Und das ist ihm gelungen.

00:16:27: Michael Jung: Allerdings sieht er sich natürlich auch Erpressungen gegenüber. Also Schulte zum Beispiel nutzt natürlich die Notlage Hölzenbeins auch gnadenlos aus, also versucht sozusagen jetzt noch weitere Archivalien, weitere Quellen, weitere Aufzeichnungen aus der Revolutionszeit von Hölzenbein zu erlangen. Naturgemäß gestaltet sich das nämlich im Jahr 1933 bei anderen Beteiligten der Revolution erkennbar schwierig. Also da sind die Unterlagen alle 1933 gar nicht mehr auffindbar und greifbar, die man aus der Revolution hatte. Ja, den Hölzenbein hat Schulte natürlich auch ganz schön am Wickel und von dem kann er eben mit Blick eben auf dessen Rolle da natürlich einiges auch an Unterlagen und Auskünften nochmal einholen. Und das nutzt Schulte auch gnadenlos aus. Also Hölzenbein steht schon richtig unter Druck und Schulte, der Stadtarchivar, weiß das halt auch, dass das so ist.

00:17:20: Ralf Heimann: Was war das für ein Mensch, der Stadtarchivar Schulte?

00:17:23: Michael Jung: Schulte war auf jeden Fall überzeugter Nationalsozialist, der schon 1919 aus der Zentrumspartei ausgetreten war, aus Protest gegen die Überlegung, hier im Westen sich von Preußen zu lösen. Und Schulte ist dann auch Nationalsozialist und organisiert dann während des Dritten Reiches auch so nationalsozialistische Ausstellungen. Also da hat er es schon mit einem überzeugten Nazi zu tun und das wird auch deutlich. Also Schulte schreibt Hölzenbein zum Beispiel auch, was er alles falsch gemacht hat bei seinem Aufnahmeantrag an die NSDAP, dass er sich an die falsche Stelle gewendet hat, und, dass er deswegen jetzt eben den erhofften Parteibeitritt vermutlich noch nicht so bald realisieren kann. Und da merkt man halt, hier spricht der Nazi mit dem Noch-Nicht-, aber Möchtegern-Nazi.

00:18:08: Ralf Heimann: Das klingt ja ein bisschen danach, als wenn man da auch ganz viel zwischen den Zeilen lesen kann. Also, als wenn die Geschichte nicht explizit überall dort steht, sondern man manchmal auch Dinge deuten kann, die relativ eindeutig sind.

00:18:19: Michael Jung: Ja, man sieht eben, dass hier Leute massiv unter Druck stehen und dass sie natürlich diesen Druck auch weitergeben und dass sie den auch spüren. Also es ist halt nicht unbedingt davon auszugehen, dass die Neupositionierung alle so ganz freiwillig erfolgt. Es gibt natürlich einen massiven materiellen, physischen Druck, dass man eben befürchten muss, dass man hier beispielsweise Opfer von Verhaftungen wird oder dergleichen. Also das ist schon eine ziemliche Zwangslage, in der Hölzenbein sich da sieht. Und er ist gerade operiert worden im Frühjahr 1933 und agiert jetzt sozusagen aus seiner Reha heraus und muss hier in Münster versuchen, seine Deutung der Dinge durchzusetzen.

00:19:00: Ralf Heimann: Auf welche Weise gelingt ihm das? Also er schreibt Briefe oder er trifft sich mit den Leuten. Wie muss man sich das vorstellen?

00:19:06: Michael Jung: Ja, durch ganz intensive Versuche der Einflussnahme und seine Deutung sozusagen weiterzugeben. Und das ist halt klar, er hat Unterlagen, die andere eben auch jetzt nicht mehr rausrücken. Und damit gelingt es ihm am Ende, so ein Agreement mit Schulte hinzubekommen, dass Schulte eben seine Deutung übernimmt. Schulte kostet das nicht viel, also er schreibt am Ende so eine kleine Fußnote, dass Hölzenbein da auf Befehl seiner Vorgesetzten im Soldatenrat gewesen sei. Aber für Hölzenbein ist das natürlich die Rettung des Jobs und auch die Rettung der Existenz.

00:19:40: Ralf Heimann: Ja, du hast es gerade schon kurz angesprochen. Er versucht dann auch relativ schnell in die NSDAP zu kommen.

00:19:46: Michael Jung: Ja, und zwar schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, also schon im April 1933 richtet er seinen Aufnahmeantrag dahin. Das zeigt natürlich auch, dass er bereit ist, dem neuen Regime seine Loyalität zu erklären.

00:20:00: Ralf Heimann: Und das kriegt er auch ganz gut hin. Also irgendwann, dann läuft das Geschäft ja gewissermaßen auch im Nationalsozialismus für ihn.

00:20:07: Michael Jung: Ja, anfangs läuft das Geschäft weiter. Das war ja erstmal seine vorrangige Sorge, aber es läuft eben dann im Verlauf des Nationalsozialismus immer mehr auch in neue Geschäftsfelder rein. Die Kanzlei von Hölzenbein nämlich und auch er persönlich sind schon ab 1935 und dann verstärkt bis 1938 eben auch darin tätig, dass sie jüdisches Vermögen arisieren, wie man das damals nennt. Das heißt, also Hölzenbein ist dann der beurkundende Notar, der dann eben den Vermögensübertrag von Menschen jüdischer Herkunft aus Münster an andere dann, an die Erwerber notariell beurkundet, damit natürlich auch Geld verdient, entsprechend den Notariatsgebühren. Und schon 1935 kommen eben in Hölzenbeins Büro die ersten Hypotheken unter den Hammer, die Juden gehört hatten vorher. Die werden da versteigert und später dann beurkundet er in Serie quasi den Eigentumsübertrag jüdischer Grundstücke.

00:21:13: Michael Jung: Und das zeigt natürlich, wie weit er sich da auch eingelassen hat auf das Regime. Und er nutzt es natürlich zu seinem Vorteil. Also das ist jetzt sozusagen ein ganz neues Geschäftsfeld, was da aufkommt, wenn man das jetzt mal rein funktional betrachtet. Es ist sozusagen ein Bereich, in dem jetzt viele Grundstücke verkauft werden und die Gelegenheit nutzt er. Er tritt dabei auch an die Stelle jüdischer Notare, wie zum Beispiel von Albert Herz. Also das Geschäft, das übernimmt er quasi. Das kann man auch sehen, dass sozusagen Leute, die vorher von Albert Herz betreut worden sind, jetzt in seine Kanzlei überwechseln. Und insofern ist er natürlich einer der Nutznießer der antisemitischen Politik des nationalsozialistischen Regimes.

00:21:56: Ralf Heimann: Vielleicht müssen wir das nochmal einordnen. Also mit dem Wort Arisierung können wahrscheinlich viele etwas anfangen. Aber vielleicht können sich alle nicht so richtig gut vorstellen, was das denn konkret bedeutet. Also wie läuft das denn ab mit der Arisierung damals?

00:22:09: Michael Jung: Ja, es gibt ja einen enormen Druck sozusagen, sowohl aus der Stadtgesellschaft, von Leuten, die sich jetzt einen persönlichen Vorteil erhoffen von der antisemitischen Politik auf jüdische Geschäftsinhaber, Grundstücksbesitzer und dergleichen, ihnen zu günstigen Preisen jetzt das Vermögen zu überschreiben. Und je länger es dauert, umso mehr wird das auch zur regierungsamtlichen Politik. Und 1938 eskaliert das Ganze dann schließlich mit der sogenannten Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, wo dann auch mithilfe staatlicher Verordnungen dann auch der Vermögensübergang juristisch erzwungen wird. Und in dieser Phase, also von 1933 bis 1938, ist Hölzenbein eben in diesem Geschäft sehr aktiv zusammen mit den beiden anderen Anwälten aus seiner Kanzlei.

00:22:55: Ralf Heimann: Also man hat jetzt ein Unternehmen oder einen Laden und dann bekommt man auf einmal Post in dieser Zeit. Oder wie wird man darüber in Kenntnis gesetzt?

00:23:05: Michael Jung: Ja, das ist halt sehr unterschiedlich. Also manchmal kommen eben auch die Leute direkt vorbei und teilen ihre Erwerbsabsicht mit und üben dann entsprechenden Druck aus. Also man muss sich das nicht mal so vorstellen, dass da irgendwelche regierungsamtliche Stellen tätig werden, sondern in ganz vielen Fällen sind es eben auch Face-to-Face-Bekanntschaften, Nachbarn, Konkurrenten, die vorbeikommen und die günstige Gelegenheit für sich ausnutzen wollen. Und am Ende steht dann meistens der Vermögensübertrag.

00:23:32: Ralf Heimann: Kurze Pause. Ich möchte zwischendurch Werbung machen und zwar Werbung für RUMS. Wir sind ein digitales Lokalmedium in Münster. Uns gibt es seit inzwischen fünf Jahren. Wir wollen nicht einfach nur berichten, sondern wir wollen etwas genauer hinschauen, als es normalerweise im Lokaljournalismus möglich ist, uns Zeit nehmen, gut recherchieren, Zusammenhänge erklären. Und das Ganze machen wir in einem Newsletter, in unserem Brief, so nennen wir das Format. Dieser Newsletter kommt zweimal in der Woche, den schicken wir an unsere Abonnentinnen und Abonnenten. Und da geht es um ganz verschiedene Themen, die in Münster aktuell und wichtig sind. Politik und Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, alles, was in Münster eben so passiert. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen oder auch einfach mal Probe lesen möchten, dann gehen Sie einfach auf unsere Website rums.ms. Da können Sie ganz unverbindlich ein Probeabo abschließen und sich dann selbst ein Bild von unserer Arbeit machen. Und jetzt geht es weiter in dem Podcast.

00:24:32: Ralf Heimann: Es sind ja einige Fälle dokumentiert, die Anton Hölzenbein begleitet hat, denen er diesen Vermögensübergang erst möglich gemacht hat. Da gibt es zum Beispiel einen Fall, von dem du erzählt hast. Das ist der von Hugo Herz.

00:24:47: Michael Jung: Hugo Herz ist ein großer Viehhändler aus Münster, der seinen Firmensitz im Südviertel in Münster an der Andenstraße hatte ursprünglich, und der dann aber je länger, je mehr im Grundstückshandel auch aktiv wird. Und Hugo Herz besitzt eben größere Flächen in Gremmendorf und rings um den Wasserturm. Und diese Flächen werden jetzt Stück für Stück vermarktet. Der Druck dabei wächst immer mehr. Also anfangs sind das sozusagen noch mehr oder weniger auch freiwillige Übertragungen dabei. Aber je länger das Regime dauert, umso mehr wächst eben auch der fiskalische Druck, also der Steuerdruck mit Hilfe diskriminierender Steuern auf Herz, dass er tatsächlich seine Grundstücke auch veräußern muss.

00:25:34: Michael Jung: Und bis 1935, also bis zu den Nürnberger Gesetzen, wickelt Hugo Herz all diese Geschäfte über seinen Cousin ab, Albert, der auch eben Notar in Münster ist. Der darf aber dann seine Praxis nicht mehr weiter ausüben. Und dieses Geschäft übernimmt Hölzenbein dann quasi komplett. Und bei Herz geht es eben um sehr, sehr viele Grundstücke, also um lauter Einzelparzellen für Einfamilienhäuser, die jetzt einzeln alle entsprechend notariell beurkundet werden müssen. Und da ist die Kanzlei von Hölzenbein und er persönlich eben massiv involviert. Und man kann eben sehr deutlich nachvollziehen, dass das eben auch ein sehr einträgliches Geschäft für ihn ist, das umzusetzen.

00:26:17: Ralf Heimann: Findet man denn in diesen ganzen Dokumenten irgendwo Hinweise darauf, dass es so etwas wie Skrupel gibt oder Zweifel vielleicht an dem, was er da macht?

00:26:28: Michael Jung: Nein, also das ist nicht greifbar. Das ist auch in den Akten eher das Gegenteil beweisbar. Also in seiner Kanzlei saß neben ihm auch noch Otto Swarte, der ursprünglich auch mal der rechtsliberalen DVP, der Deutschen Volkspartei in der Weimarer Republik, angehört hatte, der aber dann zu einem glühenden Verfechter dieses Geschäftszweiges wird und der auch nach dem Krieg keinerlei Zweifel daran hat, dass das gut war, das Geschäftsfeld dieser Kanzlei eben soweit auszudehnen und auch in diesem Feld aktiv zu sein.

00:27:03: Ralf Heimann: Ja, also das ist ja eine interessante Rolle, die Anton Hölzenbein da einnimmt. Also er profitiert einerseits davon, persönlich, aber er sorgt natürlich auch gleichzeitig dafür, dass das, was die Nationalsozialisten sich damals so vorstellen, Wirklichkeit werden kann. Also er stabilisiert in gewisser Weise dieses ganze System.

00:27:24: Michael Jung: Ja, in mehrfacher Hinsicht. Also zum einen durch seine Loyalitätsbereitschaft dem Regime gegenüber und auch der Versuch sozusagen, sich dem Regime anzudienen. Und auf der anderen Seite, indem er natürlich die Politik des Regimes und auch die Ziele des Regimes im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit entsprechend Wirklichkeit werden lässt.

00:27:45: Michael Jung: Insbesondere was die Verdrängung der jüdischen Bevölkerung vom Grundstücksmarkt und aus dem Wirtschaftsleben angeht. Und damit hat er natürlich auch zu seinem eigenen Vorteil die Möglichkeiten genutzt, die das Regime ihm bot. Und zugleich seinerseits das Regime damit stabilisiert und dem Regime geholfen, seine politischen Ziele zu erreichen. Das war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Da kommt man nicht dran vorbei. Also man kann nicht sagen, dass er dazu gezwungen worden ist. Man kann aber genauso wenig sagen, dass das Regime ihm da Steine in den Weg gelegt hätte, sondern es war gewissermaßen ein Deal auf Gegenseitigkeit, von dem sowohl das Regime abstrakt, aber auch er persönlich ganz konkret profitiert haben.

00:28:30: Ralf Heimann: Also er hat in diesem System im Grunde ganz gut gelebt, nachdem er sich da angepasst hat. Und wir hatten schon mal darüber gesprochen, das ist ja die Voraussetzung dafür, dass so ein System überhaupt funktionieren kann, dass es auch viele Menschen gibt, denen es in diesem System gut geht.

00:28:47: Michael Jung: Ja, er hat sich bruchlos eingefügt, also nach dieser Krise vom Sommer 1933, als es um seine Vergangenheit ging, sieht man eben, dass er bereit ist, dem Nationalsozialismus genauso aktiv zuzuarbeiten, wie er das zuvor bei der Demokratischen Republik war.

00:29:00: Michael Jung: Also das Interessante daran ist halt, dass Hölzenbein sowohl bei dem Epochenbruch 1918, 1919, als es in Richtung Demokratie ging, ganz vorne dabei war und versucht hat das natürlich auch zu seinem wirtschaftlichen und persönlichen Vorteil zu nutzen. Und das eben 1933 dann genau wieder versucht, als es in die umgekehrte Richtung geht.

00:29:20: Michael Jung: Und solche Flexibilität wird man vielleicht aus heutiger Sicht etwas skeptisch beurteilen müssen. Aus Hölzenbeins Sicht war das natürlich wahrscheinlich alles folgerichtig, insoweit, als er natürlich sich auch so verhalten hat, wie das aus seiner Sicht ökonomisch vernünftig war. Denn er hat damit seine berufliche Existenz jeweils gesichert bzw. aufgewertet und neue Geschäftsfelder erschlossen.

00:29:46: Ralf Heimann: Interessant ist ja, dass es immer wieder mal Personen gibt, bei denen man irgendwann erkennt, die haben erstaunliche Fähigkeiten, sich anzupassen. Also Wendehälse, die sich in einem neuen Umfeld dann plötzlich ganz neue Überzeugungen aneignen können. Bei Hölzenbein passiert das ja nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach. Und es geht dann ja auch nicht ewig weiter so, sondern irgendwann ist der Krieg vorbei. Und was macht Hölzenbein dann?

00:30:15: Michael Jung: Ja, da hat Hölzenbein natürlich wieder ein Problem. Und gerade das, was er jetzt die letzten zwölf Jahre aufgebaut hatte, das ist ja jetzt gar nicht mehr gefragt.

00:30:23: Michael Jung: Und deswegen muss sich Hölzenbein, er ist inzwischen auch schon bald 70, muss sich also inzwischen jetzt am Ende seines Berufslebens nochmal neu erfinden. Und das gelingt ihm eben auch nochmal. Denn schon im Sommer 1945 finden wir ihn in einer Gruppierung, die sich die Verteidigung der christlichen Werte des Abendlandes zum Ziel gesetzt hat. Hölzenbein hatte immer mal wieder in der Vergangenheit auch sozusagen seinen religiösen Überzeugung Ausdruck verliehen, auch wenn er sich in der Weimarer Republik scharf gegen das Zentrum positioniert hatte, und auch schon während des Kaiserreichs, also sozusagen nicht dem katholischen Mainstream hier in der Stadt angehörte.

00:31:06: Michael Jung: Aber jetzt ist er eben bereit, auch die christlichen Wurzeln wieder stärker zu entdecken. Und deswegen schließt er sich eben dieser Gruppierung an, die in Münster von Hermann Pünder geleitet wird. Hermann Pünder ist Staatssekretär unter Brüning gewesen und war dann in der Schlussphase der Weimarer Republik dann Regierungspräsident in Münster, ein Politiker der Zentrumspartei. Und es war natürlich auch keinem Zweifel unterlegen, dass dieser Verein eigentlich nur eine Vorfeldorganisation für eine mögliche Parteigründung nach dem Krieg war. Und ganz offensichtlich war Hölzenbein der Überzeugung, dass diese Gruppierung möglicherweise für die Zukunft in der Stadt eine wichtige Rolle spielen sollte.

00:31:48: Michael Jung: Und so finden wir ihn dann sehr früh, dann auch in den Gründungszusammenhängen der christlich-demokratischen Union. Also mit anderen Worten, da weiß Hölzenbein auch nach 1945, wo in der Stadtgesellschaft vermutlich die Musik in der Zukunft spielen wird. Und zielsicher identifiziert er dann eben diesen Verein als mögliches neues Zentrum auch, um natürlich an dieser Stelle von seiner eigenen Loyalität und Anpassungsbereitschaft während des Dritten Reiches abzulenken. Und hier erfindet er sich dann noch einmal neu nach dem Zweiten Weltkrieg.

00:32:26: Ralf Heimann: Man fragt sich ja, wieso so etwas gelingt? Weil man bewegt sich ja immer so in einem bestimmten Umfeld, bestimmte Menschen kennen einen, wissen, wer man ist, was man für Überzeugungen hat oder hatte und wie man sich in bestimmten Situationen verhalten hat. Wie gelingt das denn jetzt, sich in einem neuen Umfeld, in dem ja im Prinzip noch das gleiche Personal vorhanden ist, als ein völlig anderer Mensch zu präsentieren?

00:32:49: Michael Jung: Ja, das Problem hat er ja nicht alleine, sondern nach dem Ersten Weltkrieg, also dieses Engagement im Soldatenrat, das war singulär, da gibt es nichts anderes. Also da hatte er ja sozusagen ein sehr individuelles Problem.

00:33:03: Michael Jung: Aber dieses andere Problem der Loyalitätsbereitschaft gegenüber dem Nationalsozialismus, die jetzt umgewertet wurde und nicht mehr als positiv galt, mit dem Problem stand er ja nicht alleine da, sondern da war er ja Teil der Mainstream-Gesellschaft. Wenn man daran denkt, dass in Deutschland bei Kriegsende acht Millionen Menschen Mitglieder der NSDAP waren, da war Hölzenbein nicht allein mit so einem Problem. Und insofern konnte er natürlich davon ausgehen, dass in vielfältigen Zusammenhängen er auf verständnisvolle Menschen treffen würde, die dasselbe Problem mit ihm teilten.

00:33:36: Ralf Heimann: Also das war sozusagen eine Voraussetzung. Man weiß, wenn man jetzt dabei behilflich ist, die etwas zweifelhafte Vergangenheit von anderen sichtbar zu machen, dass man dann unter Umständen auch selbst damit rechnen muss, dass jemand genauer hinschaut.

00:33:53: Michael Jung: Ja, man muss natürlich auch sehen, dass Hölzenbein zum damaligen Zeitpunkt natürlich schon jemand war, der auch am Ende seines Berufslebens stand. Er war in den 1880er Jahren geboren worden. Das heißt, er hat dann also auch natürlich quasi seine Karriere fast schon zu Ende. Und insofern wird man nicht davon ausgehen können, dass er da noch besonders im Fokus gestanden hätte. Er stirbt dann auch Anfang der 50er Jahre. Also allzu viel Nachlauf gab es dann da nicht mehr.

00:34:22: Michael Jung: Aber es zeigt eben exemplarisch über all diese Brüche, was die Epochenwenden der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert eben auch mit einzelnen Biografien machte. Wie man die umbiegen musste, sich selbst neu erfinden, neu deuten musste, wie es ja jedes Mal um alles ging. Nämlich um die ganze berufliche Existenz und letztlich das ganze Sozialprestige, was man sich aufgebaut hatte, jedes Mal in Frage stand.

00:34:50: Ralf Heimann: Hölzenbein ist ja kein klassischer Täter eigentlich und er ist auch kein Mitläufer. Dazu ist er dann wiederum zu aktiv. In welche Kategorie kann man solche Menschen denn einordnen?

00:35:02: Michael Jung: Ich glaube, man kann solche Menschen nur sehr schwer einordnen, jedenfalls mit ihren Individualbiografien. Sondern man muss halt einfach sehen, dass man exemplarisch hier erkennen kann, wie groß der Druck war auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch sehen kann, wie wechselhaft die Loyalitätsbereitschaft über diese Epochenbrüche hinweg war, dass man 1919, 18, 19 bei der Wende zur Demokratie vorne dabei sein möchte, dass man 1933 aber wieder dabei sein möchte. Man muss natürlich sehen, dass Hölzenbein in der Stadtgesellschaft der Zeit natürlich zur Elite gehörte. Mit einer gut laufenden Anwaltskanzlei, mit einem Notariat gehörte er natürlich zur Elite des akademischen Bürgertums. Und insofern war er ein Protagonist dabei, der auch eben das für seine Zwecke auszunutzen. Also, es ist halt sehr schwer, hier irgendwelche Werte zu erkennen oder Überzeugungen, sondern Hölzenbein ist jemand, der vor allem seinem eigenen Nutzen dient.

00:36:07: Ralf Heimann: Ist das denn später, bevor du im Archiv auf Hölzenbein gestoßen bist, nochmal irgendwann Thema gewesen oder wäre dieser Mensch einfach vergessen worden?

00:36:15: Michael Jung: Ich glaube, Anton Hölzenbein wäre vergessen worden, und ich bin auch immer wieder auf ihn gestoßen und irgendwann fügten sich die Dinge dann doch zu einer sehr interessanten Biografie zusammen. Also es sind auch sehr unterschiedliche Archive, in denen ich auf Spuren von Hölzenbein gestoßen bin. Und insofern ist es vielleicht zum ersten Mal der Versuch, ja so einen Menschen aus dem 20. Jahrhundert, jedenfalls seinen politischen Irrungen und Wirrungen ein wenig zu rekonstruieren.

00:36:45: Michael Jung: Ich finde aber, es zeigt eben, wie viele Grautöne es im 20. Jahrhundert gab, und dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern dass es eben sehr viele Menschen gab, die vor allem nach ihrem persönlichen Vorteil geschaut haben und schauten, wie sie auch sozial, ökonomisch durch diese radikalen Epochenbrüche durchsteuern konnten. und wie wenig dabei letztlich übergeordnete moralische Überzeugung eine Rolle spielt.

00:37:18: Ralf Heimann: Diese Menschen, die gibt es ja heute wahrscheinlich immer noch, aber wäre so etwas denn überhaupt noch möglich in Zeiten, in denen über so gut wie jeden, der in irgendeiner Weise eine öffentliche Rolle spielt, auf Internetseiten Informationen zu finden sind und vielleicht auch in Onlinearchiven oder online zugänglichen Archiven. Also ist das so eine Geschichte, die vielleicht nur deshalb möglich wurde, weil das zu der Zeit noch nicht der Fall war?

00:37:47: Michael Jung: Und dieses Foto bekommt jetzt plötzlich im politischen Kontext einen kompromittierenden Charakter. Und dieses Foto muss er deswegen neu erzählen, wie es dazu kommen konnte, und eben in Form einer Distanzierung. Und insofern ist er ein frühes Beispiel dafür, wie man mit seinen eigenen medialen Hinterlassenschaften konfrontiert, plötzlich eine neue Story darunterlegen muss. Und insofern ist das natürlich vergleichbar auch mit heutigen Gegenständen, wenn plötzlich eigene Positionierungen von 20 Jahre vorher plötzlich zum politischen Problem werden.

00:38:24: Ralf Heimann: Also seine Biografie ist eigentlich nur unter der Annahme möglich, dass diese Dinge in seinem Leben später nicht mehr wieder auftauchen, als Foto in irgendeiner Zeitung oder wie auch immer. Und naja, dann nimmt das halt eine überraschende Wendung und davon gibt es ja noch einige Geschichten, mit denen wir uns jetzt in den nächsten Folgen dann noch beschäftigen werden. Wollen wir mal einen kleinen Ausblick geben, wen es da so alles gibt?

00:38:46: Michael Jung: Ja, es gibt weitere spannende Geschichten, zum Beispiel die Geschichte, wie der jüdische Unternehmer Walter Stein aus Münster sowohl seine Mutter, wie er sein Vermögen vor den Nazis in Sicherheit brachte, obwohl die alles daransetzten, ihm das Vermögen vorher abzunehmen vor seiner Immigration.

00:39:06: Michael Jung: Es geht um die Geschichte eines Oberbürgermeisters, der in einem Strudel von Skandalen nach langer Amtszeit versinkt und hinterher nahtlos den Übergang zum Applaus für Hitler schafft.

00:39:20: Ralf Heimann: Von diesen Geschichten erzählen wir beim nächsten Mal und beim übernächsten Mal. Und wenn Sie in der Zwischenzeit Fragen oder Anregungen zu diesem Podcast haben, dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an redaktion@rums.ms. Unter der Adresse erreichen Sie mich oder meine Kolleginnen und Kollegen in der RUMS-Redaktion. Und zum Schluss nochmal der Hinweis auf unsere Website. Die finden Sie unter rums.ms. Da können Sie auch ein RUMS-Probe-Abo abschließen und uns kennenlernen. Und zu allerletzt: vielen Dank und hoffentlich bis zum nächsten Mal.

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